Von Liedolsheim nach Amerika



Die Geschichte meiner Oberacker Vorfahren
die Deutschland um 1739 verlassen haben
um ein neues Leben in Amerika zu beginnen.





von

Joan Marie Reichling
geschrieben im Jahr 2000


Website Design, Graphik, Überarbeitung und einige Daten zur Familiengeschichte
von Jim Overacker

Übersetzt von Marit Oberacker

Englische Originalseiten unter: http://members.aol.com/OldRack/Palat.htm




Einführung

Herzliche Grüße an alle Liedolsheimer. Mein Name ist Joan Reichling. Ich lebe in Prescott, Arizona, USA. Ich bin Hauswirtschafterin im Ruhestand, mein Mann Gary ist pensionierter Lieutenant der Polizei von Los Angeles. Wir haben zwei Söhne: Kenneth, 33 Jahre alt, Polizeibeamter in Los Angeles, und David, 31 Jahre, Leiter im Bereich Telekommunikation in Los Angeles.

Während meiner Kindheit lebte meine Großmutter, Rosa Overacker Powell, bei unserer Familie. Sie war eine großartige Frau und hat mein Leben stark beeinflußt. Aber weder sie noch meine Mutter, Jenny Evelyn, sprachen viel über ihre Vergangenheit. Vor etwa fünf Jahren habe ich mich deshalb entschieden, mehr über meine Vorfahren aus der Overacker-Linie herauszufinden. Zunächst besuchte ich Drumright, Oklahoma, wo meine Mutter geboren wurde. Ich erfuhr, daß ein Mann namens Edward Overacker noch immer in dieser kleinen Stadt lebte. Zu meiner Überraschung stellte sich heraus, daß Edward und ich verwandt waren. Er erzählte mir von anderen Verwandten, die die Familie Overacker erforschten. Ich schrieb mehrere Briefe, lernte, das Internet für die Forschungsarbeit zu nutzen und besuchte das Zentrum für Familiengeschichte (Family History Center), das die Mormonenkirche hier in Prescott unterhält.

Meine Nachforschungen haben mir auf vielerlei Weise Freude bereitet. Ich hatte Spaß daran, Geheimnissen auf die Spur zu kommen und allmählich mehr über die Geschichte einer mutigen, fleißigen Familie Oberacker/Overacker zu erfahren. Ich habe in meinem und in Ihrem Land viele liebe Menschen getroffen, die bereit waren, sich Zeit zu nehmen und Informationen mit mir zu teilen. Diese Forschungsarbeit hat Geschichte für mich lebendig gemacht.

Einer der Höhepunkte war für mich die Entdeckung meines Cousins zweiten Grades, Jim Overacker, der in Tuscon, Arizona, lebt. Vor etwa fünf Jahren schrieb ich einen Brief an Jim, woraufhin er mir Informationen schickte, die auf den fünfunzwanzigjährigen Nachforschungen seiner Mutter Lorraine basierten. Hätte ich Jim nicht kennengelernt, hätte ich vermutlich den Mut verloren und schon vor langer Zeit aufgegeben. Fast täglich vergleichen wir über das Internet Aufzeichnungen und tauschen Informationen aus. Jim ist zu einem hochgeschätzten Freund geworden. Er hat zur Entstehung dieser Geschichte sehr viel beigetragen. Daneben hat auch James Oberacker aus Los Alamitos, Kalifornien, umfangreiche Nachforschungen über die Familien Oberacker angestellt. Einige von Ihnen haben ihn bei seinem Besuch in Liedolsheim vor ein paar Jahren vielleicht kennengelernt. Auch Betty Fink ist eine hervorragende Forscherin, die viele Stunden in New Yorker Bibliotheken verbracht und eine große Menge Informationen zusammengetragen hat. Andere, die mir wertvolle Informationen geliefert haben, sind Cynthia Biasca, Jim und Berdinde Connelly, Shirley Doherty, Floyd Gage, Roelff Overakker, Ann Palmer, Ardis Parshall, Barbara Pepper, Bob Ward und Sharilyn Whitaker.

Aufgrund von Sprachunterschieden und anderen Faktoren habe ich den Namen Oberacker in verschiedenen Schreibweisen gefunden. Zum Beispiel Oberagger, Overacker, Overocker, Overacre, Overrocker, etc. Zum besseren Verständnis werde ich die Geschichte damit beginnen, daß ich die Personen bei ihrem richtigen Namen nenne – Oberacker. Später werde ich den Namen Overacker einführen, unter dem die Linie meiner Familie in unserem Land bekannt ist. Auch Vornamen variieren, z. B. Georg/Jurgen/Jurry oder Johannes/Johan/Hans.

Aus Gründen der Klarheit werde ich eine Person immer beim selben Namen nennen, auch wenn er von Dokument zu Dokument variiert. Daß ich die vorliegenden Informationen mit Ihnen teilen kann, hat mir Dr. Rainer Oberacker aus Liedolsheim ermöglicht. Ich bin sehr dankbar, daß er auf den Brief, den ich an die Oberackers in Liedolsheim geschrieben habe, geantwortet hat. Er hat mir bei der Auffindung und Übersetzung deutscher Quellen sehr geholfen. Aus diesem Grund schreibe ich diese Geschichte, die ich mit Ihnen teilen möchte, auf.

Damit Sie das Leben der Menschen, die von Liedolsheim nach Amerika gekommen sind, besser verstehen, habe ich auch einige historische Ereignisse erwähnt, die dort stattfanden, wo diese Menschen lebten. Meine Nachforschungen sind noch lange nicht abgeschlossen. Jeden Tag finden wir neue Informationen, aber ich hoffe, daß es Ihnen Spaß macht zu lesen, was ich derzeit über die Oberackers weiß, die die kühne Reise Von Liedolsheim nach Amerika wagten. Herzliche Grüße an alle Liedolsheimer von Joan Reichling.







Oberacker im Kraichgau: ist dies der Ort, von dem die Oberacker abstammen?

Kommentar von Rainer Oberacker:
Palatines (Pfälzer) ist eine Herkunftsbezeichnung, die neben den wirklichen Pfälzern auch andere deutsche (insbesondere süddeutsche) Auswanderer in die USA umfasst. Da die Verhältnisse am Oberrhein im frühen 18. Jahrhundert in Baden und der Pfalz für die Bevölkerung sehr ähnlich waren, ist die Anlehnung von Joan an die "Palatine"-Literatur sicher angebracht. Die Overackers kamen ziemlich sicher aus der Markgrafschaft Baden, vermutlich aus Liedolsheim
.

Vorwort

Das Leben war sehr schwer für die Menschen in der Pfalz im 17. und 18. Jahrhundert. Kriege, hohe Steuern, religiöse Verfolgungen und der extrem lange, kalte Winter 1708/09 hatten großes Leid verursacht. Einige Engländer waren gekommen und hatten versucht, Menschen zur Auswanderung nach Amerika zu ermutigen. Dort, so das Versprechen, gab es Freiheit und ein besseres Leben. 1708 richtete Pastor Joshua Kochertal, der Führer einer kleinen Gruppe von Auswanderern aus der Pfalz, eine besondere Bitte an die Königin von England, Queen Anne: "Wir schlagen in aller Bescheidenheit vor, ausgeschickt zu werden, um uns am Hudson River in der Provinz New York anzusiedeln, wo wir dem Königreich nützlich sein könnten, insbesondere bei der Produktion von Vorräten für die Marine und als Grenze gegen die Franzosen und ihre Indianer."

Queen Anne nahm die Vorschläge im Mai desselben Jahres an. Sie erließ eine Anordnung, nach der sie die Kosten für den Lebensunterhalt und die Überfahrt der Auswanderer nach Amerika übernehmen würde. Sie garantierte ihnen, daß sie zwölf Monate lang neun Pence pro Tag für ihren Unterhalt erhalten sollten sowie ein Stück Land, auf dem sie sich ansiedeln könnten. Die Queen akzeptierte nur protestantische Familien. Sie sollten Nadelholzteer für den Bau britischer Marineschiffe herstellen. Jedes Familienoberhaupt unterzeichnete einen Vertrag, wonach sie alle Auslagen zurückzahlen würden; danach sollten die Auswanderer vierzig Morgen Land pro Person erhalten und sieben Jahre lang steuerfrei bleiben.

Tausende fuhren an Bord kleiner Schiffe den Rhein hinunter nach Rotterdam. Sie ertrugen extrem schlechtes, kaltes Wetter auf offenen Booten, und das vier bis sechs Wochen lang. Bis zum Frühling 1709 hatten die Überlebenden – etwa 10.000 Personen oder mehr – Rotterdam erreicht. Sie blieben hier einige Zeit ihrem Schicksal überlassen, bevor sie von britischen Schiffen nach London gebracht wurden. Dort kam es wiederum zu Verzögerungen und die Auswanderer überlebten nur knapp in überfüllten, primitiven Behausungen mit wenig Nahrung. Einige wurden nach Irland geschickt. Endlich, viele Monate später, erließ Queen Anne schließlich eine Anordnung, mit der sie einen Teil der Auswanderer nach Amerika schickte. Im Verlauf der Überfahrten wurden Kinder geboren, sehr viele Menschen starben aber auch während der Reise. Die Auswanderer waren zäh, aber die mangelnde Hygiene und Krankheiten wie Typhus forderten ihren Preis.

Diejenigen, die die Reise überlebten, fanden sich in Amerika unter fast unerträglichen Bedingungen wieder. Viele hatten sich auf der Überfahrt mit Typhus angesteckt und litten noch an der Krankheit. Die Briten hatten Gewehre und Schießpulver für sie bereitgestellt, da die Einwanderer an der Grenze zur Wildnis leben würden und sich gegen Angriffe der Indianer verteigen müßten. Sie erhielten Zelte, in denen sie wohnen konnten bis sie selbst primitive Hütten errichtet hatten. Das Nadelholzteer-Projekt scheiterte schon bald auf Grund schlechter Planung und Mißwirtschaft seitens der Briten. 1712 gab es keine Unterhaltszahlungen mehr.

In Amerika wurden diese Einwanderer „Palatines„ genannt, da sie aus einem Gebiet kamen, das von früher von einem Pfalzrafen (engl. count palatine) regiert wurde. In seinem Buch The Palatines of Olde Ulster schreibt Benjamin Meyer Brink: "Die pfälzische Einwanderung war der bis dahin größte Zustrom von Menschen in die Neue Welt. Diese mutigen Leute waren auf die Begegnung mit den Härten der ungezähmten Wildnis gut vorbereitet. Ihre Arbeitsmoral und die Fähigkeit, scheinbar unmögliche Schwierigkeiten zu meistern trugen dazu bei, die Menschen zu formen, die man einst Amerikaner nennen würde."


The Palatines in America.
Ein kleines Buch, geschrieben von der Palatine Society mit dem Titel "Die Palatines (Pfälzer) des Staates New York" hat mir ein besseres Verständnis vom Leben meiner Oberacker Vorfahren gegeben. Es beschreibt einiges über die Merkmale und Sitten der Palatines. Nach diesem Buch war es ihr oberstes Ziel, Grundbesitzer zu werden. Sie waren entschieden, ihr eigenes Land zu besitzen. Die meisten sprachen über mindestens drei Generationen weiterhin Deutsch. Sie waren geschickter im Umgang mit ihrem Vieh, als andere Pioniere. Sie bauten riesige Frachtwagen, um Produkte zum Markt zu fahren. Ihre Scheunen und Umfriedungen waren größer und solider gebaut als die der meisten anderen Europäischen Siedler. Sie waren sehr gute Bauern, und wo immer sie auch lebten verwandelten sie die Wildnis in fruchtbare Äcker. Die Mondphasen dienten als Richtlinien für die Aussaat. Gesät wurde im Zeichen der Zwillinge, und sie bevorzugten es, bei zunehmendem Mond zu pflanzen anstatt bei abnehmendem. Die Schlachtung der Schweine richtete sich auch nach den Mondphasen. Zur Erntezeit verließen die Frauen ihre anderen Tätigkeiten und halfen den Männernbei der Feldarbeit. Ihre Holzschnitzer machten Butterfässer, Schöpflöffel, Kornkästen, Gerstengabeln (?) und Handrechen, die nicht nur praktisch waren, sondern manchmal auch ein Kunstwerk darstellten. Die Pfälzer Bauern waren die ersten, die die langen holzbestielten Sensen zur Getreideernte benutzten anstatt der Sichel. Die hölzernen Spinnräder, die sie machten sind heute wertvolle Antiquitäten.

Sie wußten aber auch zu leben. Sie liebten Musik, Gesang und Sport. Zum Erntedank, an Weihnachten, Neujahr und bei Hochzeiten tranken sie Wein und heißen Butter-Rum (?). Verwandte nahmen oft lange Wege auf sich, um bei einem Begräbnis dabei zu sein. Nach dem Begräbnis gingen sie in das Haus des Verschiedenen und manchmal wurde dabei Wein serviert, der lange Jahre für diese Gelegenheit aufgehoben worden war. Da viele Familienmitglieder sich selten sahen, war dies eine gute Gelegenheit für eine Wiedersehensfeier.

Mrs. Anne Mc Vicar Grant war die Tochter eines Offiziers der Britischen Armee, die während der Französischen und Indianischen Kriege einige Zeit an der Grenze bei New York verbracht hatte. In ihrem Buch, "Memoirs of an American Lady" schrieb sie über die Menschen aus der Pfalz: "Der unterwürfige und kämpferische Geist, die einfachen und primitiven Angewohnheiten, die genügsame und betriebsame Art dieser wahrhaft nach einem ruhigen Gewissen Dürstenden, macht sie zu einem Gewinn für jede Gesellschaft, die sie erhält und zu einem sehr brauchbaren Sauerteig unter den Einwohnern dieser Provinz New York."

 

1789 schrieb Dr. Benjamin Rush, ein Mitglied von General Washington´s Stab während des Revolutionskrieges über sie: " Die Palatines von New York und ihre Nachkommen haben durch die Jahre ein gutes Beispiel gegeben für die bescheidene Rechtschaffenheit des Bürgerrechts einschließlich der Achtung des Gesetzes und die bare Erledigung ihrer Verbindlichkeiten. Wo immer sie sich niederließen, wurde die Gemeinde bekannt für die Einhaltung von Recht und Ordnung."

Der Amerikanische Dichter John Greenleaf Whittier schrieb dieses Gedicht über sie:


"Meek-hearted Woolman, and that brother band,
The Sorrowing exiles from the 'Fatherland,'
Leaving their home in Kriesheim's bower of vine,
And the blue beauty of their glorious Rhine,
To seek amidst our solemn depths of wood
Freedom from man and holy peace with God;
Who first of all their testimonial gave
Against the oppression, for the outcast slave.
It is a dream that such as these look down
And with their blessings our rejoicings crown."

Versuch zur Übersetzung:
"Sanftmütiger Hirte und dieser Brüder Bund
Die betrübliche Abwesenheit vom Vaterland
Ihre Heimat in Kriesheims Weinlaube verlassend
Und die blaue Schönheit ihres herrlichen Rheins
Um Einlass in den heiligen Tiefen unserer Wälder zu suchen
Freiheit vor den Menschen und heiligen Frieden mit Gott;
Die als erste von allen Zeugnis ablegten
Gegen die Unterdrückung, für den ausgestoßenen Sklaven.
Es ist ein Traum, dass solche wie sie herunterschauen
Und mit ihrem Segen unsere (??) krönen."

 

Es ist klar für mich, dass unsere Pfälzer Vorfahren unseren Respekt, Bewunderung und Anerkennung verdienen für die bedeutende Rolle, die sie bei der Gestaltung Amerikas spielten.



FUSSNOTE: Einige berühmte Nachkommen von Pfälzer Pionieren sind:
William C. Bouck - Leitete den Bau des Erie Kanals, Gouverneur von New York 1843
Walter P. Chrysler - Der Gründer der Chrysler Motor Company. Sein Vorfahr war ein Waisenknabe, der 1710 in Amerika ankam
Herbert Hoover - Präsident der Vereinigten Staaten
John D. Rockefeller - Industrieller, Philanthrop, Gründer der Standard Oil Company
Rear Admiral Winfield Scott Schley - Marineoffizier
Webster Wagner - Schöpfer der Schlaf- und Salon- Eisenbahnwagen, Senator von New York
John Wanamaker - Händler, Postmaster General, Förderer religiöser und patriotischer Belange
Owen D. Young - Vice President und Chairman der General Electric Company 1913-1939
Gründer der Radio Corporation of America (RCA)




 

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Stand: 15. April 2001